19|12 Ein joveles Fitzebumm mit dem Jesuskoten, hamel Jontev, hamel Massel und ein jovel Jennikes 2020

Kimmel Sternreuner

Kimmel Sternreuner
Da waren mal so kimmel Seegers ambach, die hegten keine Zerche, wohin die Strehle nach Bethlehem geht. Die wollten da hinböschen, weil die einen Stern gedibbert hatten und muckerten, dat da wohl ein Masselfreier geboren worden sei. Und den Masselfreier, so verdollewinierten die sich dat, dat wäre dann wohl doch der Jesuskoten, der Sohn von den Obermacker im Himmel.
Aber so ein ganz schofler Juchelo, Herodes hieß der, der muckerte dat tacko und schob ne Figine, dat die kimmel Seegers ihn aufn Rückweg schmusen sollten, wo der Jesuskoten ist. Aber eigentlich wollte der den Jesuskoten gleich mulo makeimen lassen kann, weil er nämlich der einzige Obermacker in der Bendine sein wollte.
Die kimmel Seegers waren aber kochum. Die sind zu den Jesuskoten hingepeselt (mit ihren nerbelo Zossen mit zwei so Huckel aufn Rücken) und haben den hamel jovle Geschenke mitgebracht. Und den beseibelten Jupp geschmust, dat seine Alsche dem Koten mal tacko ne frische Bräseplinte anzieht, er, Jupp, seine Schasklamöne einpackt und samt Magaratz plete böscht, nach Ägpten, ömmes bekane!
Ja, dat waren die drei Sternreuner, wie man auf Masematte sagen würde.

Glossar: 
kimmel: drei / Seegers: Männer, Kerle / ambach: da, dort / keine Zerche hegen: keine Ahnung haben / Strehle: Straße / böschen: gehen / dibbern: sehen, anschauen / muckern: erkennen, wissen / Masselfreier: Glücksbringer (Retter) / verdollewinieren: nachdenken / Koten: Kind / Obermacker: Chef / schofler Juchele: übler Kerl, Hund / tacko: schnell / Figine schieben: betrügen / schmusen: sagen / mulo makeimen: tot machen / Bendine: Gegend / kochum: schlau / peseln: laufen, fahren / nerbelo: verrückt / Zossen: Pferd / hamel: viel, sehr / jovel: gut, schön / beseibelt: betrogen / Jupp: Josef / Alsche: Frau, Mutter / Bräseplinte: Windel / Schasklamöne: Werkzeugkiste /  Magaratz: Esel / ömmes bekane: klarer Fall / Sternreuner: Sterngucker (Pseudomasematte, M.L.-B.) / Nobelstrehle: Prinzipalmarkt / Teewinde: Krankenhaus (UKM) / Murmelschuppen: Kirche / Gallach: Priester / Gekneistert: Geschaut / Kaffbeis: (Dorf-)Stadthaus / Fitzebumm: Weihnachten / Jontev: Spass / Massel: Glück / Jennikes: Jahr / Toften: Guten / Kalinen: Frauen / Seegers: Männer, Kerle / Malocher Kabache: Büro (Arbeitsbude) / Anims: Mädchen, Frauen / Hegels: Männer
 
Was ist Masematte?
Masematte ist eine in ihrer ursprünglichen Form mit dem Holocaust untergegangene Geheimsprache, wie sie nur in Münster gesprochen wurde. Sie besteht aus jiddischen und rotwelschen Anteilen, der Sprache der Sinti und Roma (Romanes) und ganz wenig Romanismen und Slawismen. Auch das westfälische Platt hat die Sprache durch ihr Vokabular geprägt, Masematte ist aber keinesfalls das „Münstersche Platt“, weil es sich um eine grammatik- und rechtschreibfreie Sondersprache handelt, die nur 600 Wörter kennt und situationsgebunden von bestimmten Bevölkerungsgruppen gesprochen wurde (kleine Leute, Händler, Viehhändler, Gauner). Sie diente der Verdunklung von Inhalten und der Stärkung der eigenen Identität. Nach dem Krieg lebte die Masematte auf dem Bau wieder auf und als Jugend- und Studentensprache in den sechziger und siebziger Jahren. Heute ist sie zum großen Teil kommerzialisiert und wird lokalfolkloristisch gebraucht. „Echte“ Masemattesprecher findet man sehr selten, manchmal wird in Kneipen oder beim Fußball Masematte gesprochen. „Echte“ Münsteraner kennen in der Regel circa 4 – 10 Masemattewörter und benutzen sie mit Stolz (man will sich ja abgrenzen …).

Mehr auf und über Masematte:
Marion Lohoff-Börger: Mehr Massel als Brassel. Endlich Masematte verstehen und einen toften Lenz hegen. agenda Verlag, 2018. In jeder Buchhandlung und online für 9,90 €
Marion Lohoff-Börger: Die 4 Schallermänner. Die Bremer Stadtmusikanten auf münsterscher Masematte. agenda Verlag, 2019. Kinderbuch, Sozialutopie und Roadmovie, ebenso erhältlich für 14,90 €.
Mehr über die Autorin Marion Lohoff-Börger, die auch Lyrikerin ist und sich über Interesse und Anfragen jeglicher Art freut: www.schreibmaschinenlyrik.de


 

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